Archiv der Kategorie: Gedankenhüpfer

Dawanda, Gewerbe und Co.

Wenn man heutzutage näht, kommt man ja irgendwann nicht mehr vorbei an der Frage, ob man seine genähten Sachen auch verkaufen möchte. Selbst, wenn man selbst gar nicht auf die Idee kommen würde, fragt früher oder später irgendjemand, dem man mal etwas mitgebracht hast: “Und, machst du jetzt einen Dawanda-Shop auf?”

Bei mir war es die Schwiegermama in spe, die das fragte, nachdem ich ihr eine – zugegebenermaßen gelungene – Monster-Einkaufstasche genäht hatte. Und seitdem nagte diese Überlegung an mir herum – soll ich? Oder soll ich nicht? Das Blöde ist ja, dass das nicht “mal eben so” gemacht ist. Da muss man ja direkt ein Gewerbe anmelden, und das zieht einen ganzen Rattenschwanz an Formularen und Gedöns hinter sich her. Ich nähte also weiter vor mich hin, für mich, für Freunde, für Eltern, für Kollegen. Nicht gerade wenig – aber jetzt auch nicht gerade massig viel.

Im Februar – und nachdem ich auch noch meine Liebe fürs Malen entdeckt hatte – hatte es mich dann irgendwie so weit an den Knöcheln gepackt, dass ich tatsächlich eines schönen Morgens zum Ordnungsamt ging und ein Gewerbe anmeldete. Das war total easy. Ich musste gar nicht warten, der Herr war total hilfsbereit und die 20 Euro habe ich gern dortgelassen. Aber dann ging das mit dem Finanzamt los. Da musste ich so ein gefühlt hundertseitiges Formular ausfüllen. Urgs. Ein kleiner Besuch beim Finanzamt (wo man sehr wohl sehr lange warten musste) half ein wenig, aber nicht viel. Irgendwann war das Formular abgegeben, irgendwann kam Post von der IHK, von der Berufsgenossenschaft. Ich habe alles brav beantwortet (immerhin muss ich nirgendwo irgendwelche Beiträge bezahlen, wobei, auf die Antwort der IHK warte ich noch). Nur konnte es immer noch nicht losgehen. Denn das Finanzamt hat mir seit Februar nicht geantwortet!

Aber ich will mich eigentlich gar nicht über das Amt aufregen (obwohl meine Steuererklärung schon in 3 Wochen abgearbeitet war). Ich hatte in der Zeit viel viel Zeit, noch mal darüber nachzudenken, was ich da tue. Immer, wenn ich etwas nähe, frage ich mich, ob ich das wohl verkaufen würde. Und meistens ist die Antwort “Nein”. Weil ich es für nicht gut genug halte. Derzeit schwanke ich zwischen “Meine Güte, was für eine Schnapsidee!” und “Das kann doch jeder, wieso nicht ich und ich will damit ja nicht reich werden, sondern nur Spaß haben – versuchen kann man’s ja mal“. Und vielleicht habe ich dann irgendwann, falls ich wieder arbeitslos werden sollte, eine kleine Nebeneinnahme. Nichts dolles, aber da das Risiko ja definitiv besteht, besser als nichts.

Aber es ist so risikobehaftet. Was nicht alles schiefgehen kann! Alles ist so kompliziert. Abmahnungen, Verpackungsverordnung, Finanzamt (!), AGB und Widerruf. Welche Schnittmuster, welche Stoffe darf ich überhaupt verwenden? All das für ein bisschen Spaß? Vor allem ist aber tatsächlich meine Sorge, dass ich nicht gut genug bin. Dass die potenziellen Kunden entweder nichts kaufen (damit könnte ich noch leben) oder unzufrieden sind, wenn sie etwas gekauft haben (damit könnte ich nicht so gut leben). Dass ich zu den Leuten gehöre, über die andere Blogger sagen: “Wieso verkauft DIE denn bei Dawanda? Die soll das erst mal ordentlich lernen. Näht gerade mal ein Jahr und bildet sich ein, hier was verkaufen zu müssen…” Und solche Sätze habe ich tatsächlich an einigen Stellen schon gelesen.

Ihr seht, heute bin ich eher wieder in “Schnapsidee-Stimmung”. Heute sitze ich hier, nachdem ich eine Kleinigkeit genäht habe, und würde das Gewerbe am liebsten wieder abmelden (das kostet übrigens natürlich auch noch mal was – tja, Lehrgeld halt). Aber wäre das nicht totales Versagen? Ich meine – ich habe ja bislang noch nicht einmal versucht, etwas zu verkaufen. Bildlich gesprochen: Wenn ich schon ertrinke, dann wenigstens im Meer und nicht im Übungsbecken bei den Schwimmübungen. Wenn ich mir schon ein Bein breche, dann wenigstens beim Klettern in ungeahnte Höhen und nicht beim Schuhe zubinden. ;-) Ich weiß nicht, soll ich oder soll ich nicht?

Der nächste Schritt wäre: Entweder das Gewerbe wieder abmelden* oder beim Finanzamt nachfragen, was sie mit meinem Formular gemacht haben. Was sagt ihr? Schnapsidee oder “Versuchen kann man’s ja mal”? (Nicht unbedingt nur bezogen auf mich… Ich höre auch gerne, wie es bei euch war oder ist, oder was ihr über relative Anfänger denkt, die direkt große Ambitionen haben…)

* Ich musste etwas lachen, als ich schrieb “das Gemelde wieder abwerben”… ;-)

Wachsen

Kürzlich waren der Held und ich in einer schließenden Kaufhof-Filiale unterwegs, wo alles herrlich reduziert war. (Weniger herrlich fand ich, dass der Kaufhof schließt, denn die Innenstadt Oberhausens hätte es verdient, ihn zu behalten. Aber das ist ein ganz anderes Thema.) Dort fand ich (neben einer lang ersehnten grünen Sweatjacke) eine CD für nur noch einen Euro: “Sing when you’re winning” von Robbie Williams.

Diese CD konnte ich nicht liegen lassen, denn ich hatte sie schon einmal: Als ich 16 war und in England, da besaß meine Gastmutter genau dieses Album. Und in meinem Discman (wie Oldschool!) lief es auf und ab. Also legte ich die CD zuhause in den Player, und irgendwann katapultierte es mich dann urplötzlich ungefähr 12 Jahre zurück in der Zeit: Track 7 – “Singing for the lonely”.

Ich saß wieder im Schulbus 343, letzte Reihe, Füße auf dem Nebensitz, Discman in den Ohren. Um mich herum Kinder in bordeauxroten Schuluniformen (da ich bereits in einer Art Oberstufe war, brauchte ich die nicht, nur “normaler” Chic war angesagt mit Blazer und Blusen) und Gerufe und Lachen. Ab und zu werde ich mit einbezogen, und dann bin ich froh, aber meistens lasse ich mir in ungesunder Lautstärke von Robbie ins Ohr singen – “So scared of what I’m doing all the time” und denke wie jeder Teenager: “Hat er das etwa nur für mich geschrieben? That’s so me!”

I don’t wake up early every morning
‘Cause the more I sleep the less I have to say
Scared of you, always thinking that I’m boring
Stop me yawning my life away

Ich war allein in einem fremden Land, aber das war nicht das Hauptproblem. Ich war einfach so unglaublich unsicher, so verängstigt vor dem Leben und der Zukunft und der Gegenwart, immer in der Angst, etwas verkehrt zu machen. Eigentlich wollte ich mich nur in meinem Zimmer einschließen und die Decke über den Kopf ziehen. Alle sollten mich in Ruhe lassen, außer meinen Freunden, aber die sollten mich gefälligst auch einfach so akzeptieren, wie ich war und ich sollte bitteschöndankeschön sofort perfektes Englisch mit M’bro-Dialekt und ohne blöden deutschen Akzent sprechen und überhaupt, wieso lief nicht alles genau so, wie ich das wollte?!

I’m so sick of people’s expectations
Leaves me tired all the time
If your home’s full of useless aggravation
Then don’t bring it to mine

Wenn ich heute in meinem Tagebuch von damals lese, schreibt dort eine fremde Person. Ich merke deutlich, dass ich das nicht mehr bin – und das ist auch gut so. Ich bin gewachsen – der Aufenthalt in England war schon der erste Schritt, der nächste war später dann das Studium und der Auszug von zuhause, und inzwischen und mit der Zeit bin ich wohl tatsächlich erwachsen geworden.

Wenn ich mir das Lied anhöre und mich in der Zeit zurückversetzt fühle ins Jahr 2000, bin ich froh darüber – dass ich eben nicht mehr ständig Angst habe vor dem, was ich mache. Dass ich selbstsicher geworden bin und optimistisch, dass ich mit den meisten Situationen umgehen kann. Als Jugendliche wollte ich niemals erwachsen werden, das war sogar eine meiner größten Ängste. Aber mal ehrlich, eigentlich ist es viel toller! Auch wenn es natürlich Nachteile hat. Aber diese innere Haltung, diese innere Standfestigkeit und das Wissen, dass alles schon irgendwie gutgehen wird, dass nicht immer alles nur auf mich bezogen ist und dass vieles gar nicht so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick wirkt; dass man einfach mal über sich selbst lachen kann und dass man sich nicht ständig seines eigenen Körpers so unglaublich bewusst ist; und dass man nicht mehr andauernd die Angst hat, irgendetwas, egal was, falsch zu machen – das ist schon was wirklich Feines. Ich möchte wirklich nicht noch einmal Teenager sein. Das war mir bisher gar nicht so bewusst…

Schwere Entscheidungen

Hobbys habe ich viele. Nähen, Lesen, Bloggen, Geocaching, neuerdings Malen, Serien schauen, Backen und Kochen… Und Singen. Singen im Chor. Mein Chor besteht aus lauter älteren Menschen. Ursprünglich hat mich eine Bekannte in meinem Alter dort eingeführt, sie ist sogar noch jünger als ich. Inzwischen ist sie aber nicht mehr dabei. Somit bin ich die jüngste im Chor. Das ist nichts schlimmes, aber manchmal etwas komisch.

Das Singen macht mir viel Spaß. Auch wenn wir nicht viele moderne Lieder singen, sondern eher Volkslieder. Das macht mir nichts, weil ich musikalisch sehr offen bin. Es stört mich auch nicht, dass wir z. B. kaum englische Lieder singen können, weil diese für einen erheblichen Aufwand sorgen – alle müssen ja erst einmal lernen, wie man diese merkwürdigen Wörter ausspricht. ;-) Das stört mich alles nicht, ich finde es in diesem Falle sogar ganz süß.

Und jetzt kommt das “aber”. Es geht um das ganze Drumherum. Irgendwie habe ich mich dort nie so richtig eingegliedert. Wir treffen uns schon etwas vor der Probe und dann fühle ich mich wie auf einem dieser Bilder, wo eine Person im Zentrum scharf zu sehen ist und drumherum verschwimmt alles vor lauter Bewegung. Es gibt ein großes Hallo bei den Begrüßungen, alle reden wild durcheinander, die eine hat dem andere etwas mitgebracht, der nächste erzählt vom Krankenhausaufenthalt, es gibt immer etwas zu erzählen. Und ich? Ich sitze auf meinem Stuhl und sage nichts.

Ich merke, dass mir der Chor nicht mehr so viel Spaß macht. Wenn ich von einer Sonderprobe kurz vorm Konzert erfahre, bin ich genervt. Dabei sollte ich mich freuen, wenn ich Zeit mit meinem Hobby verbringen soll. Und als ich neulich wieder einmal zwei Termine unter einen Hut bringen musste, dachte ich mir… “Was mache ich hier eigentlich?” Wieso ärgere ich mich mit etwas rum, an dem ich keinen Spaß habe? Das widerspricht meinen Vorsätzen fürs neue Jahr, nach denen ich doch keinen Stress, sondern Vergnügen mit meinen Hobbys haben will!

Zeitlich passt es auch nicht gerade gut, denn von meinen 4 freien Abenden in der Woche ist derzeit einer mit dem Chor und ein anderer mit dem Spieleabend belegt. Auf den Spieleabend freue ich mich jede Woche – auf den Chor? Da freue ich mich, wenn er ausfällt und ich einen weiteren “freien Abend” habe. Definitiv NICHT der Sinn der Sache.

Daher habe ich gestern alle meine Chor-Dinge zusammengesammelt – äußerst dekorative (hüstelhüstel) Halstücher, eine scheußliche Weste (ungetragen), Chormappe und ein paar Noten. Und heute Abend werde ich dann zum Chorvorsitzenden gehen und meine Entscheidung mitteilen… Und da hab ich nun so gar keine Lust drauf. Das ist so ein lieber Kerl und wenn alle so wären wie er, würde mir der Chor vermutlich auch mehr Spaß machen. ;-) Dann muss ich noch meinen Mitsängerinnen das mitteilen und DANN… Dann werde ich nach Hause fahren und mich in die Badewanne legen. Und meinen freien Abend genießen!

Übrigens, ja, das war die unangenehme Entscheidung, von der ich sprach – für viele vermutlich eher unspektakulär… Aber für mich schon wichtig! Jetzt steht noch die positiv-aufregende Entscheidung aus – aber das wird erst gegen Ende des Monats was werden, wenn überhaupt!

Fasten 2012 – Verzicht aufs Verzichten

Aschermittwoch im Büro. Mir gegenüber gibt es einen Aufschrei. “Hey!”, ruft mein Kollege und schaut sich empört um, “wer hat das Bounty auf meine Tastatur gelegt?” Die Kollegin neben ihm kichert ein bisschen. Der Kollege will fasten. Zumindest im Büro.  Aber er wird sabotiert. Liebevoll und neckend, aber sabotiert. Von anderer Seite, vom liebend gern diskutierenden Kollegen, muss er sich rechtfertigen. “Bist du religiös? Wieso machst du das dann?” Und ich sehe, wie er leidet… ;-)

Ich habe mich dieses Jahr entschlossen, ebenfalls zu verzichten. Und zwar – aufs Fasten. :-D Letztes Jahr gab es für mich 7 Wochen nichts Süßes. Das war schwer. Aber ich habe es durchgezogen. Irgendwie hat sich aber nicht so sehr diese Befriedigung eingestellt, die ich erwartet hatte. Auch auf der Waage hat sich das kein bisschen ausgewirkt. Dieses Jahr bin ich ehrlich genug, mir einzugestehen: Ich fand es echt total ätzend. ;-) Ich habe schon öfter gefastet, aber letztes Jahr ging das irgendwie gar nicht.

Ich könnte natürlich auf etwas anderes verzichten. Aber ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, momentan so viele große Laster zu haben. Fernsehen? Tu ich kaum. Computer? Ist oft genug aus am Abend. Alkohol? Also ehrlich, das lohnt sich kaum, so wenig, wie ich trinke. Das heißt nicht, dass ich mit meinem Leben hundertprozentig zufrieden bin, aber Fastenzeit heißt ja nun mal Verzicht und darunter fällt eben nicht “ab sofort täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren”.

Also verzichte ich ganz bewusst aufs Verzichten und werde stattdessen versuchen, etwas genussvoller zu naschen. Und nicht bei allem zuzugreifen, sondern bei dem, was ich wirklich mag. Und ich freue mich jetzt schon auf die ganzen Bürogeburtstage im März, die mich letztes Jahr so gemein gequält haben! :-)

Tote Tage

Die Woche startet, und wie üblich sind es für mich einfach vier “Irgendwie-Tage” und das Wochenende. Es gibt ein Lied von Acda en de Munnik, zwei niederländischen Musikern, das genau davon handelt. “Vier uit zeven” heißt es, “Vier von sieben”. Leider kann ich es online nicht finden. Der Text:

Maandag heb ik niets (Montag hab ich nichts)
Dinsdag ben ik vrij (Dienstag bin ich frei)
Woensdag ben ik vrij van niets (Mittwoch hab ich frei von nichts)
En donderdag kom jij (Und Donnerstag kommst du)
Vrijdag ben jij (Freitag bist du)
Zaterdag ben jij (Samstag bist du)
En zondag moet je terug (Und Sonntag musst du zurück)

Wir haben nur 3 Tage, und kürzlich habe ich sogar festgestellt, dass es genau genommen nicht einmal 48 Stunden sind, die wir haben. Nicht mal 48 von 168 Stunden, denn wenn wir uns Freitag sehen, ist es schon etwa 19 Uhr, und sonntags verabschieden wir uns gegen 17 Uhr. So war ich sogar schon neidisch auf den Sänger des Lieds – wie albern ist das?

Die “Dazwischen-Tage”, das sind häufig nur Tage zum Herumkriegen. Klar gibt es auch hier Highlights, der Spieleabend oder die Chorprobe. Aber irgendwie ist es dann beim Zubettgehen doch wieder ein “Noch drei Mal schlafen”. Ist es im Büro noch viel mehr ein Tagezählen bis zum Wochenende. Montag bis Freitag, das sind “tote Tage”:

de dode dagen (die toten Tage)
doen me voelen (lassen mich fühlen)
waar het leven voor bestaat (worum es im Leben wirklich geht)
de levenden (die lebenden)
de vier uit zeven (die vier von sieben)
dat het om de liefde gaat (dass es um die Liebe geht)

Und deswegen werde ich auch diese Woche wieder die Tage zählen. Wir haben dieses Mal nur “zwei von sieben”, da wir uns erst Samstagmorgen treffen. Was aber okay ist, weil wir das selber so überlegt haben. Die Fahrtkosten und so… (Wir haben Spielewochenende und treffen uns in der Mitte, alles andere würde sich kaum lohnen.) Ich wünsche mir mehr gemeinsamen Alltag, das wäre schön.