Im Bus

„Legen Sie das Ticket bitte einmal auf das Gerät?“

Die Busfahrerin ist um die 50, wohlgenährt und trägt das graue Hemd der Rheinbahn. Ihr ebenfalls graues Haar ist kurz geschnitten, durch die altmodische Brille schaut sie mich freundlich, aber bestimmt und etwas streng an. Man muss schon zwei Mal hinsehen, um festzustellen, dass sie eine Frau ist. Mein Ticket ist gültig, das Gerät piept und blinkt einmal grün. „Alles in Ordnung, danke.“

Der erste freie Platz ist direkt hinter der Busfahrerin, ich kuschle mich in den Sitz und schaue verträumt aus dem Fenster. Der Bus fährt weiter, er hat nur ein wenig Verspätung, fast gar nichts, das ist schön. Weiterhin besteht die Busfahrerin bei jedem Fahrgast auf das Ticket. Eine besondere Herausforderung ist das am Hauptbahnhof, wo naturgemäß nicht nur viele Menschen aus-, sondern noch mehr in den Bus einsteigen.

„Haben Sie eine Fahrkarte?“
„Darf ich das mal sehen?“
„Hallo, junge Frau, bleiben Sie mal bitte stehen und zeigen Sie mir Ihre Fahrkarte!“
„Können Sie das Ticket bitte einmal auf das Gerät legen?“
„Einfach drauflegen und festhalten.“
„Alles in Ordnung, danke.“

Ungefähr 30 Mal hat sie das jetzt schon gesagt, denn die Fahrgäste sind es gewohnt, dass sich der Busfahrer ohnehin nicht für ihr Ticket interessiert und eher genervt abwinkt, wenn man es auf das eigentlich vorgeschriebene Prüfgerät legen will. Kein Wunder, wenn das jeder macht, dauert es nämlich ewig, bis alle eingestiegen sind. Im Grunde ist das Prüfgerät ja eine feine Sache, nur hat jeder volle Bus dadurch massig Verspätung.

Die Busfahrerin ist hartnäckig. Ich bewundere ihre Geduld, zumal sie auch unfassbar freundlich bleibt. Eine Frau reagiert genervt und regt sich auf.

„Haben Sie eine Fahrkarte?“
„Ja.“
„Darf ich die bitte mal sehen?“
„Das ist eine Monatskarte.“
„Ja, aber ich müsste die einmal kontrollieren, bitte.“
Genervter Blick, Augenrollen, demonstrativ langsames und tiiiefes Kramen in der Tasche.
„Ich habe noch heute Morgen die Anweisung bekommen, JEDES Ticket zu kontrollieren. Egal, wie viel Verspätung.“
Letzten Endes kauft die Frau eine Einzelkarte. Dumm gelaufen.

Am Hauptbahnhof ist der Bus schon ordentlich voll. Die Busfahrerin beginnt, Leute abzuweisen, und macht sich damit nicht nur Freunde.

„Vor der Schranke darf niemand stehen. Das ist so Vorschrift. Steigen Sie hinten ein, wenn es noch passt, sonst kann ich Sie nicht mitnehmen.“

Die Leute protestieren. Der letzte Bus sei nicht gekommen. Sie kämen zu spät zur Arbeit. „Was soll ich denn bitte meinem Chef sagen?“, schimpft eine Frau. Und fügt ein wütendes „Wollen Sie mich verarschen?“ hinzu.

„Sagen Sie Ihrem Chef, der Bus war überfüllt. Oder gehen Sie das nächste Mal eher aus dem Haus.“

Wir brauchen lange für die Fahrt. 15 Minuten Verspätung haben wir am Ende eingefahren, auf einer Strecke von 20 Minuten. Der Busfahrerin ist das egal, mir im Prinzip auch. Dafür gab es eine großartige Show auf der Fahrt. Die Frau hat stoisch und gewissenhaft ihren Job gemacht. Sehr freundlich, sehr bestimmt. Sie ist um Dutzende falsch stehende Autos und LKW herumgekurvt, was nicht leicht ist mit dem großen Gelenkbus, und hat dabei nicht einmal gehupt. Sie hat sich beschimpfen lassen, sie hat zahlreiche genervte Blicke und Bemerkungen eingesteckt und sie hat sich den Mund förmlich fusselig geredet – und ist immer geduldig und höflich geblieben.

Bewundernswert. Nicht unbedingt sinnvoll, aber bewundernswert.

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2 Antworten zu “Im Bus

  1. Jaaaaaaaa… So unbeeindruckt von den Reaktionen anderer wäre ich auch gerne…!

  2. Sehr schöne Story zum Schmunzeln. Dafür haste einen Lesefan mehr! Gruß – Eli

Schreib mir was! Dann freu ich mich!

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