Wo entscheidet sich Weihnachten?

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“. So strahlen mich seit einigen Wochen die roten Plakate von Media Markt überall in der Stadt an. Verbunden mit Fotos von vermeintlich glücklichen Menschen, die irgendwie so aussehen, als hätte sich der Fotograf mal lieber eine ordentliche Kamera gekauft, von mir aus auch bei Media Markt.

Morgens knallt mir das Radio noch eine etwas härtere Form dieser Werbung um die Ohren. Pünktlich vor den Nachrichten kann ich mir anhören, wie ein kleines Mädchen dem Weihnachtsmann die Tür vor der Nase zuknallt, weil die Geschenke nicht von Media Markt sind. Hallo?

Die Kirche regt sich nun auf über diese Werbung, auch andere Blogger, und das verwundert mich kein bisschen. Das erste Plakat hat mich irritiert, das zweite geärgert und die Radiowerbung hat mich so richtig auf die Palme gebracht. Weihnachten muss nicht „entschieden“ werden. Weihnachten ist einfach. Was es ist? Ein Fest, ein Gefühl, aber ganz sicher kein Wettbewerb, auch wenn es manchmal so wirken kann. Wer hat die schönste Weihnachtsdeko, wer backt die meisten Plätzchen, wer kauft die teuersten Geschenke? Über all dem wird doch oft vergessen, worum es Weihnachten wirklich geht.

Und so entsteht auch der Stress, als den viele die Weihnachtszeit empfinden. Wenn man alles perfekt haben will, um z.B. den Kindern die schönsten Kindheitserinnerungen zu „verschaffen“, kommt man natürlich in Stress. Aber was ist denn wohl die schönere Kindheitserinnerung? Eine gestresste, hektische Mutter, die un-be-dingt noch die achte Sorte Plätzchen backen muss, natürlich mit dem Kind zusammen, das gar keine Lust mehr hat und Bauchweh vom Teig naschen (seit Sorte 3) – oder eine entspannte Mutter, die Zeit hat für eine Geschichte oder eine Runde kuscheln, und dafür auch mal eine Packung gekaufte Plätzchen auf den etwas unordentlich dekorierten Tisch stellt? Ein zauberhaft dekorierter Baum, den aber bloß niemand anfassen darf (der aber auf Fotos traumhaft aussieht), oder ein schiefer nadeliger Baum, an den das Kind seine selbst gebastelten Anhänger hängen darf? (Ja. Das Basteln kann auch Stress sein. Jeder entscheidet für sich selbst, was Stress ist… Man MUSS jedenfalls gar nichts machen!)

Und die Geschenke. Spielen die eine Hauptrolle? „Entscheiden“ sie Weihnachten? Könnt ihr euch noch daran erinnern, was ihr vor 5 Jahren zu Weihnachten bekommen habt? Oder in eurer Kindheit? Ich kaum. Besondere Highlights bleiben, klar. Das selbstgebaute Playmobil-Spielhaus von meinem Vater und meinem Onkel zum Beispiel. Oder das ebenfalls selbstgebaute Puppenbett von meinem Onkel, das er exakt meinem eigenen Hochbett nachempfunden hatte (mit Rutsche!). Das lang ersehnte Originaltrikot der Lieblings-Fußballmannschaft (aus Sicht einer 13-jährigen unbezahlbar). Aus der Erwachsenenzeit fällt mir kaum etwas ein. Und meine Mutter erzählt heute noch von dem Wollpullover, den sie als Kind zu Weihnachten bekommen hat. Ihre Mutter (meine Oma also) hatte ihn nicht rechtzeitig fertig bekommen und einfach so eingepackt. Meine Mama war stolz wie Oskar, dass ihre Mutter den Pullover für das Christkind zu Ende stricken durfte! Das sind sicherlich nicht die Geschenke, die Media Markt im Hinterkopf hat.

So etwas entscheidet aber, wenn überhaupt irgendetwas, Weihnachten: die liebevollen Details. Die Kleinigkeiten. Die Geschichten, die bleiben. Die Traditionen, die man innerhalb der Familie hat. Die Mühe, die man sich gibt. Die Zeit, die man sich nimmt. Und die Liebe. Denn Weihnachten ist doch nun einmal das Fest der Liebe. Was nützen die größten Fernseher, die modernsten Spielekonsolen, die kleinsten Handys, wenn Mama und Papa unterm Tannenbaum streiten? Wenn gestöhnt wird, weil man für Schwiegermutterns Besuch noch das ganze Haus von oben bis unten wienern muss, um einen guten Eindruck zu hinterlassen?

Auch ich habe in der Weihnachtszeit viel zu tun, um es mir schön zu machen. Ich versuche aber, das nicht in Stress ausarten zu lassen, denn alles, was ich mache, mache ich freiwillig. Und wenn etwas nicht klappt (wenn unser sehr früh aufgestellter Baum am Heiligabend schon nadelt, zum Beispiel), dann ist das eben auch keine Katastrophe (sondern bleibt vermutlich noch eher in Erinnerung, als wenn alles perfekt liefe). Und die Geschenke? Sind gekauft. Teilweise auch selbst gemacht. Keins davon bei Media Markt (würde ich sowieso nicht, und nach dieser Werbung erst recht nicht). Ich habe mir Gedanken gemacht, worüber sich die Leute freuen können. Bei manchen ist es etwas teurer geworden. Bei anderen etwas aufwändiger. Bei wieder anderen gibt’s eher eine Kleinigkeit.

Ich freue mich auf Weihnachten. Ich freue mich auch auf die Geschenke. Aber worauf ich mich am meisten freue, das sind die Tage und Erlebnisse, die wir gemeinsam haben werden. Das Essen, das wir jetzt schon planen. Der Gang in die Kirche und der Gottesdienst. Ich freue mich auf unser Weihnachtskonzert (das schon vor Weihnachten ist), den Besuch meiner Eltern am ersten Feiertag, den Besuch bei Schwiegereltern am zweiten Feiertag. Ich freue mich darauf, meine Nichte an ihrem quasi-ersten Weihnachtsfest zu sehen (letztes Jahr um diese Zeit war sie erst 2 Monate alt).

Wenn ich an das letzte Weihnachtsfest denke, fällt mir ein: Es lag viel, viel Schnee. Wir haben sehr lecker gekocht (und das Fleisch war sehr teuer). Der Pfarrer im Gottesdienst hat eine wirre Predigt gehalten (deswegen werden wir dieses Jahr in eine andere Kirche gehen). Ich habe meine Oma zum letzten Mal gesehen – es ging ihr nicht gut, aber sie hat sich gefreut. Meine Eltern waren das erste Mal Weihnachten bei mir und nicht andersherum.  Wir mussten nachts durch den Schnee nach Münster fahren, was ein echtes Abenteuer war.

Geschenke kommen da überhaupt nicht vor. Geschenke sind nicht das wichtigste an Weihnachten. Definitiv. Weihnachten wird im Herzen entschieden.

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10 Antworten zu “Wo entscheidet sich Weihnachten?

  1. Das ist eine wunderbare Aussage. Und du schreibst mir quasi aus der Seele. Ich finde es so schade, dass alle Weihnachten auf „Geschenke kriegen“ reduzieren. Ich freue mich viel mehr, wenn ich Leute beschenken kann. Dieses Jahr mache ich einen Großteil der Geschenke selbst. Das ist viel Arbeit und ja – viel Stress – aber dafür ist halt nicht an Weihnachten jedes Staubkorn weggeputzt. Da geht es immer um Prioritäten – und ich finde Weihnachten soll doch das Herz erwärmen!!

    Lustig ist allerdings, dass mir an Weihnachten der größte Stress noch am schönsten in Erinnerung geblieben ist. Um zu sparen sind meine Eltern mit mir immer erst am Heiligabend los, um den Weihnachtsbaum zu kaufen. Find mal an Heiligabend einen guten und günstigen Baum. Das war wirklich viel Stress! Und es war sooo schön. Wie oft haben wir uns gestritten und danach so doll gelacht. 🙂

    Jetzt muss ich fast ein bisschen weinen. :))

  2. Pingback: <3 Lametta! | lautundbunt

  3. Ich habe die Werbung (Radio plus hässlicher Plakate) auch „gefressen“. Ich krieg immer eine Gänsehaut bei dem ausgesprochen blöden Spruch. Ich fände Weihnachten auch ohne Geschenke schön und möchte nur einen gemütlichen Tag/Abend haben. Mit leckerem Essen, Trinken, Gesprächen und Musik! 🙂

  4. Bundesbedenkenträger

    Ich hab ja zum Glück kein Radio, aber hier hängt auch irgendwo so ein Plakat. Es fiel mir glaub ich nicht mal sonderlich auf, war halt sowas buntes, was da immer hängt („da ist halt imme bnt“: soviel zu Reichweite von Werbung), bis das dann durch die Presse ging.
    Schön finde ich dann, wenn ich bei Artikeln wie diesem hier (großes Lob, tolle geschrieben!) merke, daß es auch noch normale Menschen auf der Welt gibt und sich das nicht nur auf die eigene Peergroup beschränkt…

    • Danke für das Lob. Die Kampagne hat ja eigentlich relativ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und wenn man den Werbespruch einmal googlet, sieht man schnell, dass sehr viele Menschen ihn ganz schrecklich finden – zum Glück!
      Ich komme selbst aus der Werbung und habe die letzten Tage versucht, bewusst etwas anders zu texten, auch bei unserer täglichen Weihnachtswerbung. Klar, man will verkaufen, das finde ich auch legitim. Aber das geht auch ganz, ganz anders und kommt auch sicherlich besser an! Ich fürchte nur, dass halt die MM-Werbung auch ihre Zielgruppe findet…

      • Hm, wenn du ja aus der Werbung kommst, kannst Du Dir dann evtl. vorstellen, warum man so wirbt? Also was denkt man sich denn dabei?
        Wie du ja schreibst, kann man ja auch versuchen ganz bewusst anders an die Sache heranzugehen.
        Oder ist es wirklich so, dass trotz der schlechten Werbung und der vielen Kritik an dieser, sich diese Werbung positiv auf die Verkaufszahlen auswirkt?
        Ich schüttel da immer den Kopf und fühle mich abgeschreckt? Bin ich da in der Minderheit?
        Aber ich persönlich würde mich auch sehr schwer tun, wenn ich Werbung machen müsste, aber das wäre ein anderes Thema.

  5. Christian, ich bin mir auch nicht sicher. Viele sagen ja, dass es schon ein Erfolg ist, wenn man darüber redet. Und geredet wird ja (wie man hier sieht) viel über diese Werbung. MM wird dadurch in den Köpfen präsenter und wenn man überlegt, wo man Elektronikzeug kriegt, fällt einem vielleicht als erstes MM ein. Ich persönlich glaube aber nicht an diese Theorie…

    Und wie viel anders jetzt gerade MM an die Sache rangehen kann, weiß ich nicht. Ich versuche immer ein bisschen Stimmung zu machen und emotional zu texten. Hebe z.B. hervor, wie schön man es sich machen kann zu Weihnachten und wie unsere Produkte dann dabei helfen können. Aber das kommt natürlich auch immer auf das Sortiment an. MM positioniert sich über Preise und nicht über Gefühl… Da passt das vielleicht nicht. Was die Werbung an sich jetzt natürlich nicht besser macht! 😉

  6. Pingback: Neujahrsgirl.de - Mein Privater Blog

  7. Dein Text fiel mir heute ein, als ich in der Innenstadt war und meine Gedanken über dieses Weihnachtszeug/-zwang/-nichtvorhandeneStimmung Gestalt annahmen. Gerade habe ich darüber geschrieben und deinen immer noch aktuellen Text verlinkt:
    http://fraeuleinswunderbarewelt.blogspot.de/2015/12/warum-tut-ihr-euch-und-eurer-umgebung.html
    Ich wünsche dir eine besinnliche Weihnachtszeit!
    Liebe Grüße,
    Frauke

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