Wachsen

Kürzlich waren der Held und ich in einer schließenden Kaufhof-Filiale unterwegs, wo alles herrlich reduziert war. (Weniger herrlich fand ich, dass der Kaufhof schließt, denn die Innenstadt Oberhausens hätte es verdient, ihn zu behalten. Aber das ist ein ganz anderes Thema.) Dort fand ich (neben einer lang ersehnten grünen Sweatjacke) eine CD für nur noch einen Euro: „Sing when you’re winning“ von Robbie Williams.

Diese CD konnte ich nicht liegen lassen, denn ich hatte sie schon einmal: Als ich 16 war und in England, da besaß meine Gastmutter genau dieses Album. Und in meinem Discman (wie Oldschool!) lief es auf und ab. Also legte ich die CD zuhause in den Player, und irgendwann katapultierte es mich dann urplötzlich ungefähr 12 Jahre zurück in der Zeit: Track 7 – „Singing for the lonely“.

Ich saß wieder im Schulbus 343, letzte Reihe, Füße auf dem Nebensitz, Discman in den Ohren. Um mich herum Kinder in bordeauxroten Schuluniformen (da ich bereits in einer Art Oberstufe war, brauchte ich die nicht, nur „normaler“ Chic war angesagt mit Blazer und Blusen) und Gerufe und Lachen. Ab und zu werde ich mit einbezogen, und dann bin ich froh, aber meistens lasse ich mir in ungesunder Lautstärke von Robbie ins Ohr singen – „So scared of what I’m doing all the time“ und denke wie jeder Teenager: „Hat er das etwa nur für mich geschrieben? That’s so me!“

I don’t wake up early every morning
‚Cause the more I sleep the less I have to say
Scared of you, always thinking that I’m boring
Stop me yawning my life away

Ich war allein in einem fremden Land, aber das war nicht das Hauptproblem. Ich war einfach so unglaublich unsicher, so verängstigt vor dem Leben und der Zukunft und der Gegenwart, immer in der Angst, etwas verkehrt zu machen. Eigentlich wollte ich mich nur in meinem Zimmer einschließen und die Decke über den Kopf ziehen. Alle sollten mich in Ruhe lassen, außer meinen Freunden, aber die sollten mich gefälligst auch einfach so akzeptieren, wie ich war und ich sollte bitteschöndankeschön sofort perfektes Englisch mit M’bro-Dialekt und ohne blöden deutschen Akzent sprechen und überhaupt, wieso lief nicht alles genau so, wie ich das wollte?!

I’m so sick of people’s expectations
Leaves me tired all the time
If your home’s full of useless aggravation
Then don’t bring it to mine

Wenn ich heute in meinem Tagebuch von damals lese, schreibt dort eine fremde Person. Ich merke deutlich, dass ich das nicht mehr bin – und das ist auch gut so. Ich bin gewachsen – der Aufenthalt in England war schon der erste Schritt, der nächste war später dann das Studium und der Auszug von zuhause, und inzwischen und mit der Zeit bin ich wohl tatsächlich erwachsen geworden.

Wenn ich mir das Lied anhöre und mich in der Zeit zurückversetzt fühle ins Jahr 2000, bin ich froh darüber – dass ich eben nicht mehr ständig Angst habe vor dem, was ich mache. Dass ich selbstsicher geworden bin und optimistisch, dass ich mit den meisten Situationen umgehen kann. Als Jugendliche wollte ich niemals erwachsen werden, das war sogar eine meiner größten Ängste. Aber mal ehrlich, eigentlich ist es viel toller! Auch wenn es natürlich Nachteile hat. Aber diese innere Haltung, diese innere Standfestigkeit und das Wissen, dass alles schon irgendwie gutgehen wird, dass nicht immer alles nur auf mich bezogen ist und dass vieles gar nicht so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick wirkt; dass man einfach mal über sich selbst lachen kann und dass man sich nicht ständig seines eigenen Körpers so unglaublich bewusst ist; und dass man nicht mehr andauernd die Angst hat, irgendetwas, egal was, falsch zu machen – das ist schon was wirklich Feines. Ich möchte wirklich nicht noch einmal Teenager sein. Das war mir bisher gar nicht so bewusst…

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8 Antworten zu “Wachsen

  1. So. Heute abend werde ich zuhause Robbie einlegen und Road to Mandalay hören. Mich bringt das nicht nach England, sndern nach Prag, aber auch in eine andere Zeit…

  2. Du hast ja so recht. Ich wollte damals auch nicht groß werden und hatte die Idee, nach dem Ende der Grundschule, diese doch einfach nochmal von vorne zu beginnen. 🙂 Heute geniesse ich einfach jedes Alter.
    Und irgendwie fühlte ich mich schon ganz oft ganz reif und ganz groß. Aus der Perspektive von heute muss ich immer über mich lächeln.

    Danke für die Anregung, wegen solcher Artikel lese ich dich…(aber jetzt nicht unter Druck setzen…)

    • Danke 🙂 aber keine Sorge – wenn ich jetzt versuche, nur noch mehr oder minder tiefsinnige Gedanken zu veröffentlichen, taucht hier nur noch alle paar Wochen ein Beitrag auf… 😀

  3. Wie passend… ich war gestern nach meiner Klausur mit einer Freundin auf unserem alten Schulhof und im Schulgebäude. Es waren zwar „nur“ 6 Jahre Abstand…. aber es war auch ein deutliches „Das passt nicht mehr“-Gefühl. *g* Allerdings hatte das bei mir nie was mit Robbie Williams zu tun 😀

    • Bei mir doch auch nicht, der hat mich nur wieder an dieses komische Gefühl von damals erinnert… 😉
      Eigentlich ist älter werden was tolles, oder?

      • Naja ich glaube das hört auf, wenn dann die ersten Wehwehchen kommen. und so wie mir unbewusst der 30ste Sorgen machte, wird das der 40ste sicherlich auch machen…

  4. Pingback: Bücher, die bleiben | bunt, gestreift und hüpfig

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