Die Flow, Wil Wheaton und das Bloggen

Als Kind hatte ich keinen eigenen Fernseher. Wenn ich etwas sehen wollte, dann musste das im Wohnzimmer geschehen. Glücklicherweise musste ich mich nicht mit Geschwistern um die Fernbedienung streiten – aber auch die Programmvorstellungen meiner Eltern und mir gingen gelegentlich leicht auseinander. Vor allem mein Vater wollte immer Dinge schauen, die mich von meinen heiß ersehnten Sendungen abhielten. So kommt es, dass ich mich zwar beim besten Willen nicht erinnern kann, was ich eigentlich sehen wollte – aber noch sehr genau weiß, was stattdessen lief. Am schlimmsten fand ich Highlander und Raumschiff Enterprise. Diese Sendungen fand allerdings auch meine Mutter blöd, und so bürgerte sich der wunderbare Name „Raumschiff Entenscheiß“ als fest stehender Begriff in unserer Familie ein. Erwähnte ich eigentlich schon mal, dass meine Familie äußerst anfällig für wirklich schlechte Wortspiele ist?

So oder so fand ich Raumschiff Enterprise absolut unmöglich, denn es hielt mich ja von anderen wunderbaren Fernseherlebnissen (welchen auch immer) ab! Und deshalb stand ich Science Fiction an sich und Star Trek im Besonderen immer recht kritisch gegenüber. Während sich die SF-Abneigung in den kommenden Jahren nach und nach legte, wurde ich mit Star Trek nie wirklich warm (ich bin da nachtragend). Tatsächlich habe ich vermutlich eine halbe Stunde Star Trek in meinem Leben gesehen. Zusammengerechnet, nicht am Stück.

So kam es, dass ich völlig unwissend war, als der Held und ich eines schönen Abends The Big Bang Theory schauten und Wil Wheaton auftauchte. Wer zum Henker…? Die Tatsache, dass der gute Wil sich in der Serie selbst spielt, half nicht gerade, denn da sollte man doch besser wissen, wer er eigentlich ist. Der Held erklärte es mir also, und eine kurze Recherche ergab, dass Wil Wheaton nicht nur seine besten Teenager-Jahre bei Raumschiff Enterprise verbracht hatte, sondern als Kind auch in Stand By Me mitgespielt hatte, einen Film, den wir sogar in der Schule gesehen hatten!

Ab diesem Moment kam mir Wil Wheaton ständig unter die Nase. Vor allem online. Er produziert die großartige YouTube-Serie Tabletop, bei der man einer Runde Mehr-oder-weniger-Promis beim Spielen von Gesellschaftsspielen zusieht (was deutlich unterhaltsamer ist, als es klingt); er tweetet lustige Sprüche; er hat schon mehrere Bücher veröffentlicht; und er hat einen Blog, auf dem er aus seinem Leben erzählt.

Was Wil Wheaton nun mit der Flow und dem Bloggen zu tun hat, fragst du dich? Die Zeitschrift Flow, die es nach langer Wartezeit endlich auch bei uns in Deutschland gibt, hat in dieser Ausgabe das Thema „Mut und Verletzlichkeit“. Und gleich beim Leitartikel musste ich direkt an Wil Wheatons Blog denken. Es geht darum, mehr Gefühle zu zeigen, Verletzbarkeit zu wagen und auch nach außen hin zuzugeben, dass man vielleicht mal Hilfe benötigt, dass nicht immer alles perfekt ist. Denn sind wir doch mal ehrlich: In unserer Blog-Blase herrscht meistens Heile-Welt-Stimmung. Wenn jemand mal über etwas Ernsteres schreiben möchte, wird sich meist gleich zu Beginn des Artikels dafür entschuldigt. Aber es kommt generell auch sehr selten vor – ernstere Themen vielleicht, aber persönliche eben nicht so sehr. Bei mir auch nicht! Dabei sind die Artikel, bei denen ich es vielleicht doch mal gewagt habe, einige meiner liebsten und auch von Kommentatoren am meisten gelobten (hier meist unter der Kategorie „Gedankenhüpfer“ zu finden).

In seinem Blog schreibt Wil Wheaton über seinen Alltag, über seine TV- und YouTube-Projekte, aber eben auch über seine Depressionen, über die Ablehnung, die er im Job erfahren hat (nach Star Trek ging seine Filmkarriere ziemlich den Bach runter), über Unsicherheit und über sehr viele persönliche Gefühle. Ich finde das unglaublich mutig. Immerhin sind wir hier zum einen im Internet (irgendwer trollt garantiert), zum anderen ist er sehr bekannt. Und wer hätte schon mal von einem Hollywood-Star gehört, der sich hinstellt und sagt „Ja, ich hab die Rolle nicht bekommen, und das finde ich total scheiße und mir geht’s jetzt gerade richtig mies“? Wil wagt das, aber gleichzeitig (oder vielleicht eher: an anderen Tagen) ist er unglaublich lustig und begeisterungsfähig. Deswegen ist er einer der Prominenten, die ich wirklich bewundere!

Während ich diesen Artikel schrieb, musste ich übrigens mehrfach den Impuls bekämpfen, mich für seine Länge zu entschuldigen. Oder gar für sein Thema (siehe oben), wer weiß, wen das überhaupt interessiert. 😉 Aber ich möchte sehr gern mehr wirklich schreiben und dabei vielleicht auch selbst einmal mehr Verletzlichkeit wagen. Ganz nach Wil Wheatons Vorbild, denn die fröhlichen Seiten, die sollen natürlich ebenfalls bleiben!  Wenn ich dann mal wieder denke „Das ist das Internet… Das kann ja jeder lesen!“ (ich bin ja schließlich nicht mehr anonym), denke ich einfach an Wil und dass er noch viel weniger anonym ist und sich dabei dennoch deutlich verletzlicher zeigt. Und hat es ihm geschadet? Nein, ich finde ihn gerade deshalb sympathisch!

Was meint ihr? Böses Internet und lieber eine Fassade bewahren aus Gründen der Privatsphäre, oder gehören ernstere Themen grundsätzlich nicht in DIY- und Alltagsblogs, oder würdet ihr solche Gedanken und Themen mit euren Lesern teilen?

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5 Antworten zu “Die Flow, Wil Wheaton und das Bloggen

  1. Ich habe auch schon über ernstere, private Dinge gebloggt, den Text dann aber unter Passwortschutz gestellt.
    Zufällige Vorbeispringer sollen ja schließlich nicht gleich “ alles“ wissen. 😉

  2. Hi!
    Wieviel „Privates“ (wobei ich denke, das ja auch all die schönen Dinge „irgendwie“ aus dem Privatleben berichten 😉 ) jemand bloggt, was gerade mal nicht so Friede-Freude-Eierkuchen ist, hängt ganz allein davon ab, was man selbst „der Welt“ über sich Preis geben möchte. Man zeigt ja quasi allen, das man durchaus auch nur ein Mensch ist, mit Fehlern, Sorgen und gelegentlicher schlechter Laune! 🙂
    Das es im täglichen Alltag nicht immer nur um rosa Puschelwölkchen geht ist doch auch völlig normal. 🙂 Und gerade wenn man einen normalen Alltagsblog schreibt, macht einen ein Bericht über Tage, die mal total daneben gehen oder einen irgendwie ärgern dem Blogleser gleich viel näher (da es „dem Leser“ bestimmt ab und zu genau so geht!).
    Natürlich liest man wohl lieber über schöne Dinge, da der eigene „Alltag“ eben nicht immer nur schön ist, aber „persönliche Freiheit“ sollte man dem Blogschreiber doch bitte auch zugestehen. Erstens ist es ja SEIN Blog, und wenn er auch über schlechte Tage schreiben möchte (weil es ihm evtl. hilft sich auf diese Art Luft zu machen), „darf“ er das bitteschön auch, und Zweitens kann ja der geneigte Leser den Blogeintrag überspringen, der ihm nicht gefällt und wieder auf die fröhlichen warten! 🙂
    *Upps* Das war jetzt ganz schön lang…. Egal :-))

    LG,
    Viola

  3. Ich schätze mein Blog beantwortet die Frage von selbst. 😉 Weiterhin denke ich auch, dass es gerade die nicht so schönen Themen sind die viel zu selten wirklich besprochen werden. Und so ist es eben noch „nicht üblich“, wenn eine Band sagt „Tour abgesagt, der Sänger muss wegen Angststörung in eine Klinik“. (Jupiter Jones, letzte Woche). Und eben das sollte es nicht sein. Und sowas kann man nur verhindern, wenn man drüber spricht.
    Es hat sich so ergeben das mein Blog so ist wie er ist und meistens ist das auch ganz gut so. Insgesamt fallen mir vllt. eine handvoll Leute ein die ich gerne nicht auf dem Blog gehabt hätte. Sicher hadere ich immer mal mit mir. Aber das ist nun mal so…und geht mir außerhalb vom Internet nicht anders.

  4. ich finde man darf ruhig auch mal ernstere töne anschlagen. das leben ist ja nicht immer nur friede, freude, eierkuchen 😉 wieviel jeder von sich preis gibt, dass muss man für sich selbst entscheiden!
    also trau dich 🙂
    lg
    bina

  5. Ich gestehe, „Wil Wheaton“ sagt mir auch nichts, was aber wohl mehr daran liegt, daß ich schon ein paar Tage älter bin und von Raumschiff Enterprise die Folgen der 70’er kenne mit William Shatner, Leonard Nimoy, DeForrest Kelley (WTF sind diese Leute gell ;-)).

    LG
    Michael

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