short stories 2014: Freundschaft

Wir haben uns Hollywood-Filme ausgedacht
Seifenopern voll Sturm und Drang
Wir haben uns heiser geredet und Pläne gemacht
Große Gesten den Weg entlang
Auf der alten Bahnschneise durch die Dünen
Eine schwankende Prozession
Wie Lari und Fari, wie Stefan und Harry
Und manchmal wie Vater und Sohn

Mit Freundschaften habe ich mich nicht immer leicht getan im Leben. Obwohl ich in den seltensten Fällen wirklich einsam war. Aber wie das so ist – man will doch immer mehr, als man hat. Das gilt oft genug auch für Freundschaften. Mein erstes Grundschulzeugnis enthielt dann auch folgende Passage:

zeugnis

Ich kann mich zwar nicht erinnern, zu dieser Zeit auf irgendeine Art und Weise unglücklich gewesen zu sein. Aber so richtig dicke war ich offenbar in der Schule mit niemandem. Im Laufe der Grundschulzeit legte sich das glücklicherweise, was mir auch im zweiten Schuljahreszeugnis bestätigt wird. Ich habe obendrein noch haufenweise Briefe aus den Klassen 3 und 4, in denen diskutiert wird, ob Sandra jetzt meine beste oder doch nur zweitbeste Freundin ist, und ob ich Leonie wieder so weit verzeihen kann, dass sie wenigstens meine zehntbeste Freundin sein kann (ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was Leonie angestellt hatte, aber es scheint was Ernstes gewesen zu sein).

Ein Freund, so vertraut wie kein anderer
Ein Schelm, wie’s ihn zwei Mal nicht gibt
Ein suchender, unsteter Wanderer
Ich hab ihn so geliebt!

Nach der Grundschule sind wir in eine andere Stadt gezogen – gehen Sie zurück auf Los, ziehen sie keine 4000 Mark ein. Freundschaften, die sich nach der Grundschule sowieso neu positioniert hätten, brachen stattdessen völlig ab. Die folgenschwere Entscheidung eines 10jährigen Mädchens, in der weiterführenden Schule nun eine neue beste Freundin zu brauchen, da wiederum ihre Grundschulfreundin plötzlich so langweilig wurde und tatsächlich dem Unterricht folgen wollte, verschaffte mir wiederum aber eine Freundin fürs Leben. Zusammen mit 2 Jungs aus unserer Klasse bildeten wir ein wunderbares Kleeblatt, und wenn ich eine Sternschnuppe sah, dann wünschte ich mir, dass wir für immer Freunde bleiben würden. Spoiler: Es hat nicht geklappt.

Er hat mir mal die alberne, warme Mütze geschenkt
So eine, die dir ein Arschgesicht macht
Ich hab sie mir ihm zuliebe aufgezwängt
Und wir haben uns schlappgelacht

Gleichzeitig lebt man ja nicht nur in der Schule, und mein Nachbar in der neuen Stadt, zwei Jahre jünger als ich, entwickelte sich vom Spiel- und Streitgefährten in Kinderzeiten (Tagebucheinträge wie: „Neuer Name für M.: Arschloch“ und zwei Tage später: „M. heißt wieder M.“ waren keine Seltenheit) zum besten Freund im Teenie-Alter. Wobei die Bezeichnung „bester Freund“ bei mir inzwischen nicht mehr ausschließlich verwendet wurde, denn meine besten Schulfreunde hatte ich ja immer noch. Mit diesem Freund habe ich wirklich alles besprochen, alles erlebt. Heimliche Partys, gemeinsame Ferienfahrten, erste Vollräusche. Nachmittage auf dem Bahnhäuschen. Oder einfach Abende am Fenster, denn die Fenster unserer Kinderzimmer lagen sich direkt gegenüber, dazwischen nur die Einfahrt.

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Wir haben nächtelang gegrübelt und gesungen
Und manches Glas geleert
Und am Morgen betrunken zusammengesunken
Einander die Welt erklärt

Die Welt besteht nicht nur aus Friede, Freude und Eierkuchen. Unser Schul-Quartett zerbrach, als die Jungs nach der zehnten Klasse von der Schule abgingen, wir Mädels aber blieben. In der 12. oder 13. Klasse habe ich ungefähr ein Jahr lang nicht mehr mit meiner besten Freundin gesprochen. Während der Oberstufenzeit war ich häufig unglücklich. Ich passte nicht in diesen Haufen, ich war anders – oder zumindest fühlte ich mich so. Als dann noch meine beste Freundin und ich uns voneinander entfernten, war es ganz vorbei. Ich ging ganz auf in der Clique meines Freundes – was an sich ja nicht schlimm war, nur dass diese alle in der Nachbarstadt wohnten, so dass ich in der Schule weiterhin einsam war. Es ist nicht so, als wäre ich gemobbt worden oder als hätte niemand mit mir geredet – eigentlich war ich vermutlich sogar ganz gut integriert. Aber ich fühlte mich einsam. Und wenn ich mal zu einem Geburtstag eingeladen wurde und dann noch hinging und dann noch Spaß hatte – dann fühlte sich das an, als hätte ich gerade den Mount Everest bestiegen. Es kam auch nur 2-3 Mal vor. Ich hatte dort niemanden, mit dem ich wirklich reden konnte.

Der Vorteil an der Schule ist aber ja, dass man sich trotzdem noch ständig sieht. Auch wenn man sich zerstritten hat. Meine Freundin und ich, wir haben uns wieder zusammengerauft. Wir haben hinterher viel darüber gesprochen, manchmal reden wir heute noch über diese Zeit. Uns beiden ging es nicht gut mit der „Trennung“, und ich bin mehr als froh, dass wir es geschafft haben.

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Was hab ich gesagt, was hab ich getan
Das ihn so verletzt haben mag?
Kein Brief, keine Nachricht, er ruft nicht mehr an
Und er fehlt mir an manch einem Tag

Nicht immer läuft es so gut. Ich ging zur Uni, in eine andere Stadt. Ich lernte neue Leute kennen. Die Zeit an der Uni war die Zeit meines Lebens, ich habe jeden einzelnen Tag genossen. Ich fand Freunde, und ich traf den Helden. Meine Schulfreundin kam ebenfalls in diese neue Stadt, und wir alle genossen das Studentenleben in vollen Zügen. Ich war so glücklich wie nie zuvor. Doch einer fehlte: Der Nachbarsfreund, der Seelenverwandte, der, dem ich alle meine Probleme erzählte. Der Kontakt wurde weniger, er verstand nicht, warum ich so handelte, wie ich es tat. Und irgendwann war der Kontakt dann ganz abgebrochen.

An manchem Tag, wenn ich den Dünenweg geh
Denk ich „Gleich taucht er aus dem Nebel auf“
Da, die dunkle Gestalt, die ich am Wegende seh,
Die große Gesten macht – und ich lauf

Wie weh das tat. Und wie schrecklich das war. Und wie erstaunt ich gerade jetzt bin, dass mir immer noch Tränen kommen, wenn ich dies aufschreibe. Ich habe ihm eine Email geschrieben, damals, und gefragt, was denn eigentlich passiert sei. Die Antwort? So sei es nun einmal, wenn man älter werde. Die Leben würden sich verändern, die Menschen würden nun einmal erwachsen, und man fände neue Freunde. Und das sei ganz normal. Wow. Daran hatte ich lange zu knabbern (und mir scheint, ich bin noch immer nicht ganz darüber hinweg – und das nach zehn Jahren!). Ja, ich war in einer anderen Phase meines Lebens als er. Er machte sein Abi, ich zog in die Welt hinaus. Aber so war es doch immer gewesen, irgendwie. Ich habe noch ein einziges Mal bei ihm geklingelt, als ich bei meinen Eltern war (er war ja immerhin der Nachbarsfreund). Mein Herz schlug bis zum Hals, aber niemand öffnete. Ich war nicht sicher, ob ich enttäuscht oder froh war. Erst vor wenigen Wochen habe ich ihn auf Facebook „geaddet“. Er hat mich „bestätigt“, aber wir haben kein Wort miteinander gewechselt. Vielleicht sollte ich ihm mal schreiben.

Wenn er’s ist, dann wird er mich von fern erkennen
Darum ist mir nicht bang
An den offenen Armen, an der albernen Mütze,
Und an meinem Gang.

Heute bin ich zufrieden mit meinen Freundschaften. Ich habe meine Lieblingsfreundin in der Ferne, ich habe meinen besten Freund geheiratet. Ich habe wenige, aber gute Freunde. Ich habe das wunderbare, großartige Internet, das mir hilft, mich so gut wie nie einsam zu fühlen. Ich habe sehr viele „weiter gefasste“ Freunde, mit denen ich mich treffe und Spaß habe, auch wenn ich vielleicht nicht mein Seelenleben vor ihnen ausbreiten würde. Ich habe schon Kontaktanzeigen geschaltet oder beantwortet, um mehr „soziales Leben“ im Alltag zu haben. Nicht aus Einsamkeit, sondern eher aus Experimentierfreude. Weil ich gern Menschen kennen lerne. Weil solche „Blind Dates“ auch echte Abenteuer sind, die Spaß machen. Ich habe Menschen in meinem Leben, die ich anrufen kann, wenn ich Hilfe beim Umzug brauche; ich habe Menschen in meinem Leben, die das selbe mit mir tun. Ich weiß, wen ich fragen kann, ob wir gemeinsam den Eurovision Song Contest schauen wollen. Und ich weiß, bei wem ich mich bei Ehestreit ausheulen kann.

Aber dieser eine Freund. Dieser eine Verlust. Der trifft mich immer noch. Und das erstaunt mich selbst, denn als ich diesen Artikel begonnen habe, war das nicht das Ende, mit dem ich gerechnet hatte. Wenn ich heute darüber nachdenke, hatte er vermutlich Recht: Menschen verändern sich, Leben verändern sich, Freundschaften verändern sich. Ich kann aus jeder meiner Lebensphasen Menschen aufzählen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, obwohl ich uns damals als gute Freunde bezeichnet hätte. Vom Jugendaustausch, den ich mitgeleitet habe, über mehrere Auslandsaufenthalte und das Studium bis hin zu mehreren Arbeitsstellen. Das ist schade, aber ich bin auch nicht besonders gut im Kontakt halten, und ja, das Leben geht halt einfach weiter. Auch wenn es häufig schade ist. Manche Freunde bleiben – viele Freunde gehen. Vergessen werden sie deshalb nicht. Ich werde immer an sie denken, und ganz besonders an meinen Nachbarsfreund, bei dem es immer noch ein bisschen piekst.

{short stories ist ein Projekt von Jolijou und was eigenes. Weitere short stories zum Thema Freundschaft findet ihr hier. Wie üblich hänge ich absolut hinterher, denn „Freundschaft“ war das Thema aus dem Februar. Das Lied, welches ich hier zitiert habe, ist „Flaschenpost“ von Reinhard Mey. Ich habe es damals in Dauerschleife gehört, weil es mir so passend erschien. Bei den ersten paar Tönen bekomme ich heute noch Gänsehaut.}

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14 Antworten zu “short stories 2014: Freundschaft

  1. Kommt mir ein wenig bekannt vor…


  2. (Irgendwann später mal mehr, wenn hier wieder Internet geht, nur soviel vorab: ich glaub in diesem Thema sind wir uns ähnlich, mir kommt vieles bekannt vor).
    LG

  3. Ohja! Es ist erstaunlich, aber irgendwie hört man das verdammt oft: „Ich war in der Schule ein Außenseiter, jedenfalls habe ich mich so gefühlt.“ und ich frage mich manchmal, ob wir uns nicht alle so gefühlt haben. So viele Außenseiter kann es doch gar nicht gegeben haben, oder?!
    Freunde kommen und gehen – mir fällt es auch schwer, das zu akzeptieren. Und auch bei mir gibt es eine Freundschaft, bei der es mir immer wieder die Kehle zuschnürt 😦
    Ganz herzliche Grüße nach diesem sehr persönlichen Thema!
    Ms.101things

    • Da hast du auf jeden Fall Recht, viele haben sich so gefühlt! Aber es gibt auch genug Leute, bei denen das nicht so ist. Der Held nennt die Schulzeit nach wie vor eine der besten Zeiten seines Lebens, und das geht bestimmt auch einigen so. Das würde ich so definitiv nicht unterschreiben… Ich war eher froh, als es vorbei war.

  4. Sehr beruehrender Post! Danke fuers Teilen! Eine stille Mitleserin

  5. Jetzt erst gelesen und verstanden was du im Zug meintest. Sehr gut geschrieben! Toller Post!

Schreib mir was! Dann freu ich mich!

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