Facebook, Twitter und die toten Kinder

Liebe Menschen im Internet,

ich weiß nicht ganz, wie ich euch nennen soll. Ihr selbst haltet euch wahrscheinlich für „Aktivisten“. Es ist schön, dass ihr euch für Frieden im Gazastreifen einsetzt. Leider besteht eure „Aktivität“ vor allem aus einem: Ihr postet online Bilder von toten Kindern. Und zwar besonders dort, wo die Menschen, die sie zu sehen bekommen, nicht damit rechnen. Auf Instagram unter dem Hashtag „#Worldcup2014“. Auf Facebook in den Kommentaren zur neuesten Folge einer Fernsehserie. Auf Twitter, wenn man sehen will, was andere zum aktuellen Formel 1-Rennen zu sagen haben.

Ich möchte das nicht sehen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine Augen vor dem Thema verschließe, oder dass ich keine Ahnung habe. Ich möchte keine Bilder von toten Kindern sehen. Und wenn, dann möchte ich, dass man mir die Wahl lässt, und mir nicht völlig unvorbereitet ein Bild unter die Nase hält, bei dem einem Dreijährigen der halbe Schädel fehlt.

In der vergangenen Nacht bin ich um 3 Uhr aus einem Albtraum hochgeschreckt. Sofort hatte ich wieder die Bilder vor Augen. „Da siehst du mal, wie es die Menschen vor Ort erleben“, werdet ihr sagen, „Wieso soll es dir besser gehen?“ und vielleicht werdet ihr denken, dass ihr euer Ziel erreicht habt: Dass ich nachts um 3 in meinem gemütlichen, sicheren Bett an tote Kinder im Gaza-Streifen denke. Nun, da bin ich anderer Ansicht. Den Menschen im Krieg hilft es kein Stück, dass ich nachts nicht schlafen kann. Niemandem auf der Welt hilft es, wenn ich nachts nicht schlafen kann. Und meiner Ansicht nach sollte niemand, der es nicht muss, solche Bilder sehen (im Optimalfall sollte überhaupt niemand sie sehen, weil sie gar nicht erst entstehen; aber das ist nicht das, worüber ich heute schreiben möchte).

Bei mir rufen solche Aktionen folgende Reaktionen hervor: Ich bin verärgert. Ich fühle mich schlecht. Ich schließe das Browserfenster. Verärgert bin ich dann nicht über den Krieg im Nahen Osten, sondern über denjenigen, der meinte, meine Freude über ein Fußballspiel damit zerstören zu müssen. Das schlechte Gefühl lässt von Mal zu Mal nach – man stumpft ab. Man sollte nicht abstumpfen, wenn man solche Bilder sieht, aber das Browerfenster schließe ich inzwischen nur noch bei den wirklich drastischen Bildern (und falls jemand solche Bilder noch nicht gesehen habt – seid erstens froh und glaubt mir zweitens, dass es auch hier noch besonders drastische Bilder gibt). Merkt ihr was?

Niemand hat etwas davon. Ihr macht mir ein schlechtes Gewissen, allein dafür, dass ich hier lebe. Wofür ich übrigens jetzt schon ausgesprochen dankbar bin, ohne dass man mir bildlich zeigt, wie es mir anderswo gehen könnte. Ihr seid ungefähr so hilfreich wie Eltern, die ihren Kindern am Esstisch sagen: „Und in Afrika hungern die Kinder!“ Wenn euer Beitrag zur Lösung des Gaza-Konflikts darin besteht, diese Fotos unvorbereiteten Internetnutzern unter die Nase zu halten, wie soll dann meiner aussehen? Soll ich die Bilder teilen? Was wollt ihr?!

Außerdem: Woher stammen diese Bilder überhaupt? Ihr ward doch nicht selbst vor Ort, um sie zu schießen. Dies sind reine Propaganda-Bilder! Woher sie kommen, ist euch völlig egal. Ob sie echt sind, ob sie schon Jahre alt sind oder aus einer ganz anderen Region stammen – Hauptsache, sie schockieren und man kann damit emotional manipulieren.

Lasst es euch gesagt sein: Das Bild eines toten Kindes bringt niemanden dazu, seine Meinung zu ändern. Wir alle wissen, dass es falsch ist, Kinder zu töten (und die meisten von uns sind der Ansicht, dass dies nicht nur für Kinder gilt). Die israelische Armee wird nicht plötzlich auf so ein Bild stoßen und sagen „Oh, ach, upps, das war uns gar nicht klar, wir hören sofort auf“. Außerdem ist es generell eher kurz gedacht, denn dass ihr diese Bilder postet, spielt ja auch der Hamas enorm in die Hände, die davon profitieren, dass „Israel den Medienkrieg schon verloren hat“ und die Mehrheit der Medien sich gegen Israel stellt. Derselben Hamas, die diese toten Kinder mindestens billigend in Kauf nimmt, indem sie Zivilisten verbietet, angekündigt bombardierte Häuser zu verlassen.

Also: Der Krieg ist schlimm. Jeder Krieg ist schlimm. Und ja, vielleicht sollten wir uns mehr mit dem Thema beschäftigen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht mehr glücklich sein dürfen, keinen Spaß mehr haben dürfen. Denn dann dürfte man nie wieder Spaß im Leben haben – irgendwo passiert immer gerade etwas Schreckliches, so traurig das auch ist. Einen Facebook-Post über jegliches positive Thema mit einem toten Kind zu kommentieren („Während ihr hier feiert, sterben dort übrigens unschuldige Kinder!!!!!!!“), ist einfach pervers. Diese Bilder retten nicht die Welt. Diese Bilder sorgen lediglich dafür, dass ich morgens von 3 bis 4 Uhr wachliege und in Gedanken einen ausgesprochen eloquenten Blogpost verpasse (den ich jetzt, am nächsten Tag, deutlich weniger eloquent niedergeschrieben habe) und mich über euch aufrege.

Verbindliche Grüße. Bitte hört auf.

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5 Antworten zu “Facebook, Twitter und die toten Kinder

  1. Du hast absolut recht! Das hilft niemandem.

    Reg Dich nicht zu sehr auf
    michaela

  2. Wow für deinen Mut.
    Mir zwar so noch nicht widerfahren, aber ich bewege mich da auch momentan nicht so aktiv in den sozialen Medien. Aber täglich neue Bilder in den „seriösen Medien“ regen mich schon genug auf und ich schwanke täglich, ob ich einen Post darüber verfassen soll oder nicht.
    Einen Twitterkommentar habe ich kürzlich geschrieben, aber doch wieder direkt gelöscht. Kritische Meinungen sind leider nicht immer willkommen.
    Kopf hoch und nicht zu sehr aufregen bitte!

  3. Ich finde, du hast das sehr eloquent gemacht. Und ehrlich und auf den Punkt. Bin derselben Meinung.

  4. Ich stimme Steffi da voll zu! Du hast das sehr eloquent geschrieben und ich bin froh, dass es mal jemand geschrieben hat! Vielen Dank!

Schreib mir was! Dann freu ich mich!

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